Ich habe schon mal etwas Großes gebaut. Jetzt fange ich wieder klein an.

#03·Unternehmertum·29. Mai 2026

Ich habe schon mal etwas Großes gebaut. Jetzt fange ich wieder klein an.

Vor 20 Jahren HolidayCheck mitgegründet, heute Abend an einer kleinen Software gescheitert. Über Anfängergeist mit 55, Demut und die Falle des alten Erfolgs.

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Vor über 20 Jahren habe ich HolidayCheck mit aufgebaut. Aus einer Idee wurde eine der größten Reise-Bewertungsplattformen im deutschsprachigen Raum. Millionen Menschen haben dort nachgelesen, bevor sie ihr Hotel gebucht haben. Ich war dabei, als das noch in keinem Businessplan stand, sondern eine Wette war. Eine, von der die meisten dachten, sie geht nicht auf.

Heute, mit 55, sitze ich abends da und baue mir eine kleine Software, die meine Termine sortieren soll. Und scheitere erstmal daran.

Das ist kein Abstieg. Es fühlt sich nur manchmal seltsam an.

Ich hätte aufhören können. Finanziell muss ich nichts mehr beweisen, das ist erledigt, dazu schreibe ich an anderer Stelle mehr. Trotzdem fange ich immer wieder bei null an. Ein Hotel in Zürich, das ich mit hochziehe. Ein Fitness-Ökosystem am Bodensee. Diese Website hier. Lauter Dinge, bei denen ich am Anfang nicht weiß, ob sie funktionieren. Und genau das ist der Punkt, auch wenn ich ihn mir lange nicht eingestanden habe.

Was ich aus HolidayCheck mitgenommen habe, ist nicht das Rezept. Es gibt kein Rezept. Jedes Mal ist es ein anderes Spiel, andere Leute, andere Technik, ein anderer Markt, eine andere Zeit. Was bleibt, ist eine Art Ruhe im Nichtwissen. Ich habe einmal mit eigenen Augen gesehen, wie aus fast nichts etwas Großes wird. Das nimmt mir die Angst vor der leeren Seite. Wenn am Anfang alles wackelig aussieht, denke ich nicht „das wird nichts“, sondern „so sieht der Anfang eben aus“. Das ist ein Geschenk, und ich weiß es zu schätzen.

Es macht mich aber nicht schlauer, als ich bin. Und hier liegt die Falle für Leute mit Erfahrung.

Der Fehler, den wir machen, ist immer derselbe: Wir glauben, wir wüssten schon, wie es ausgeht. Ich ertappe mich ständig dabei. Ich sehe ein Startup, höre drei Minuten zu und denke, ich hätte es verstanden. Meistens habe ich es nicht. Ich habe ein Muster gesehen, das einem alten Muster ähnelt, und das Gehirn macht den Rest. Die besten Gespräche der letzten Jahre hatte ich, als ich meine erste Einschätzung bewusst über Bord geworfen und nochmal von vorne gefragt habe. Oft lag das Eigentliche genau da, wo ich es vorschnell abgehakt hatte.

Anfänger sein mit 55 ist unbequem. Ich sitze in Calls mit Leuten, die halb so alt sind und Dinge können, die ich nicht kann. Ich muss fragen. Ich muss zugeben, dass ich einen Begriff nicht kenne, ein Werkzeug nie benutzt habe, eine Entwicklung verpasst habe. Für jemanden, der mal ganz oben in der Hierarchie einer Firma stand, ist das eine kleine tägliche Übung in Demut. Früher hätte ich es überspielt. Heute lasse ich die Lücke einfach stehen und frage. Es kostet mich jedes Mal ein bisschen, und jedes Mal lerne ich etwas.

Es gibt auch die ehrliche Schattenseite, und die gehört dazu, sonst stimmt der Brief nicht. Ein Teil von mir baut weiter, weil „Gründer“ ein bequemes Etikett ist. Es erklärt, wer ich bin, ohne dass ich nachdenken muss. Auf einer Party, bei einer neuen Bekanntschaft, vor mir selbst. Solange ich baue, bin ich wer. Diese Stimme kenne ich gut, und ich traue ihr nicht ganz. Nicht jedes neue Projekt entsteht aus Neugier. Manches entsteht aus der leisen Angst, ohne Projekt nicht mehr zu zählen. Das ist kein schöner Satz über sich selbst. Er ist trotzdem wahr.

Deshalb prüfe ich inzwischen genauer, bevor ich anfange. Eine einzige Frage: Will ich das wirklich verstehen, oder will ich nur wieder etwas in der Hand haben? Bei HolidayCheck hat sich die Frage nie gestellt, da ging es ums Überleben, da baust du, weil du musst. Heute baue ich, weil ich kann, und das ist eine andere Verantwortung. Ich kann mir aussuchen, wofür ich meine Zeit ausgebe. Also sollte ich es ernst nehmen.

Was ich jungen Gründern sage, wenn sie fragen: Der erste Erfolg ist nicht der schwerste. Der schwerste kommt danach. Beim zweiten Mal trägst du deinen alten Erfolg wie einen Rucksack. Er macht dich sicherer und träger zugleich. Du gehst aufrechter und kommst schwerer in die Hocke. Du musst lernen, ihn abzusetzen, wenn du wieder vor etwas Neuem stehst, und ihn nur dann aufzusetzen, wenn er wirklich hilft.

Ich setze ihn gerade ab. Mal besser, mal schlechter. An manchen Tagen erwische ich mich, wie ich einer 30-Jährigen erkläre, wie die Welt funktioniert, und merke mitten im Satz, dass sie sie besser kennt als ich. Dann halte ich inne und höre zu. Bei null anzufangen hält jung. Nicht weil es leicht wäre. Weil es mich zwingt, wieder neugierig zu sein, und Neugier ist das Einzige, von dem ich sicher weiß, dass es mich nicht alt werden lässt.

Jens Freiter
// Geschrieben von

Jens Freiter

Mitgründer und Ex-CTO von HolidayCheck. Sitzt heute als Beirat — u.a. bei Steinbeis — bei Familienunternehmen und Mittelständlern, die KI strategisch einsetzen wollen. Mehr über mich →

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