Was KI mit dem Kreieren macht — ein Nachtrag
Rosa war noch nicht fertig mit mir. In derselben Hotel-Matze-Folge steckte eine zweite Frage: Was macht KI eigentlich mit dem Denken? Ich habe keine einfache Antwort. Aber ich erkenne das Muster.

Auf den ersten Werkstattbrief habe ich mehr Rückmeldungen bekommen als auf fast alles, was ich bisher geschrieben habe. Menschen, die ich seit Jahren nicht gehört hatte, haben sich gemeldet. Der Text hatte etwas getroffen, das viele kannten, aber noch nicht in Worte gefasst hatten. Das hat mir den Mut gegeben weiterzuschreiben.
Was hier folgt, ist ein Nachtrag. Derselbe Podcast, ein anderer Aspekt.
Im ersten Brief habe ich beschrieben, was Hartmut Rosas Resonanztheorie mit meinem Macher-Modus gemacht hat, mit dem Bauen und dem Nicht-Stillhalten-Können. Was ich damals nicht erwähnt habe, war eine andere Stelle in derselben Folge. Eine, die mich länger beschäftigt hat als die erste.
Der Schiedsrichter und das Bild
Rosa erzählt von einem Schiedsrichter, der nach dreißig Sekunden einem sechzehnjährigen Spieler die rote Karte geben muss. Der Schiedsrichter wollte es nicht. Keine der Mannschaften hatte es gefordert. Aber der Videoassistent hatte eingegriffen, das Bild war eindeutig, Stollen über Knöchel, rote Karte. In dem Moment, sagt Rosa, hört der Schiedsrichter auf zu handeln. Er vollzieht. Er ist nicht mehr im Spiel. Er steht dem Spiel gegenüber.
Dann erzählt Rosa, wie er ChatGPT gebeten hat, ihm ein Wikinger-Raumschiff zu malen. Er hat Prompts eingegeben, bekommen was er bekam, bewertet, nochmal probiert. Was dabei fehlt, sagt er: dieses wechselseitige Ko-Formen. Wenn ein Maler malt, formt er das Bild, und das Bild formt ihn zurück. Was er sagen will, verändert sich im Malen selbst. Mit KI stand Rosa dem Ergebnis gegenüber. Er war Schiedsrichter, nicht Maler.
Das ist ein starkes Bild. Ich habe lange damit gesessen.
Die andere Seite
Dann passiert etwas im Gespräch, das genauso interessant ist. Matze beschreibt, wie er KI für seine Gartenplanung benutzt. Er gibt ein, was er sich ungefähr vorstellt, bekommt Bilder zurück, arbeitet sich ran, korrigiert, und am Ende entsteht etwas, das er sich so selbst nicht hätte vorstellen können. Er sagt, er hatte dabei ein Resonanzgefühl.
Rosa gibt ihm recht. Das, sagt er, erfüllt tatsächlich alle Merkmale von Resonanz. KI kann etwas auslösen, das sich wie echtes Ko-Formen anfühlt.
Und trotzdem bleibt ein Aber. Rosa beobachtet: mal bist du der KI voraus, du sagst ihr was sie machen soll, dann macht sie was und du bist hinterher, dann bewertest du und bist wieder voraus. Du bist nie wirklich drin.
Ranga Yogeshwar, Physiker und jahrzehntelanger Quarks-Moderator, hat das von einer anderen Seite her beschrieben. Er sagt, KI-Texte haben keine Inspiration, sie klingen alle gleich. Wer KI-Output bewertet, denkt nicht. Er kuratiert.
Woran ich es erkenne
Ich merke das an mir selbst, und ich finde es schwer, ehrlich darüber zu schreiben, weil es keine einfache Antwort gibt.
Es gibt Momente, in denen KI mein Denken tatsächlich beflügelt. Wenn ich einen Gedanken halb fertig habe und mir fünf Richtungen zurückbekomme, von denen eine mich überrascht, ist das ein echter Impuls. Etwas, das ich selbst so nicht hätte sehen können.
Und es gibt Stunden, in denen ich feststelle, dass ich seit einer Stunde nichts gedacht habe. Ich habe bewertet, kuratiert, abgesegnet. Kein eigener Satz. Nichts geformt. Nichts riskiert.
Ich mache Business Angel. Wenn ich mit Gründerinnen und Gründern rede, frage ich meistens: Wie bist du auf das gekommen? Diese Antwort sagt mir mehr als jedes Deck. Die besten, die ich getroffen habe, waren drin. Sie haben das Problem am eigenen Leib erfahren, etwas falsch gemacht, und dabei etwas gefunden, das sie vorher nicht gesucht haben. Wenn diese Phase übersprungen wird, fehlt hinterher etwas, das sich schwer benennen lässt. Ich erkenne es trotzdem.
Die Frage, die bleibt
KI verhindert Kreativität nicht. Sie verändert, wie Kreativität entsteht. Sie macht das Vollziehen attraktiv, weil es schnell geht und gut aussieht. Das Drin-Sein, das Ko-Formen, das Riskieren eines schlechten ersten Satzes kostet mehr und sieht anfangs schlechter aus.
Die Frage ist nicht ob ich KI benutze. Die Frage ist: Bin ich gerade im Spiel, oder stehe ich davor?


