Ich kann meinen Töchtern keinen sicheren Beruf empfehlen

KI·9. Juni 2026

Ich kann meinen Töchtern keinen sicheren Beruf empfehlen

Meine Töchter sind 16 und fast 18. Die Frage nach dem Beruf sitzt bei uns am Esstisch. Eigentlich müsste ich eine Antwort haben: Gründer, Investor, ich baue gerade Betriebe mit KI um. Ich habe keine. Ein SPIEGEL-Beitrag hat mir geholfen zu verstehen, warum das die ehrlichere Antwort ist.

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Kenza Ait Si Abbou bekommt diese Frage ständig gestellt. Sie ist Ingenieurin und KI-Strategieberaterin, war CTO und hat bei IBM die KI-Entwicklung für die DACH-Region verantwortet. Sobald sie öffentlich über KI und die Arbeitswelt nachdenkt, melden sich Eltern, Studierende, Lehrerinnen und Führungskräfte bei ihr. Im Kern wollen alle dasselbe wissen: Was soll mein Kind werden? Ihre Antwort im SPIEGEL hat mich nicht losgelassen.

Ihre Antwort nennt keinen Beruf. Sie sagt sinngemäß: Die Fähigkeiten eines jungen Menschen sind verlässlicher als der Name seines Berufs.

Bei mir ist diese Frage keine Theorie. Meine eine Tochter ist 16, die andere wird 18. Die Frage nach dem Beruf sitzt bei uns mit am Esstisch.

Und ich müsste eigentlich eine Antwort haben. Ich beschäftige mich seit Jahren mit Technologie, habe HolidayCheck mitgegründet, als das Internet für viele Unternehmen noch ein Nebenthema war, und investiere heute in Startups. Gerade baue ich mehrere Betriebe mit KI um. Wenn jemand wissen müsste, welche Berufe Zukunft haben, dann ich.

Das Gegenteil ist der Fall. Je mehr ich sehe, desto weniger traue ich mir eine konkrete Prognose zu.

Meine Töchter werden in Berufen arbeiten, die sich während ihres Arbeitslebens mehrfach verändern. Manche Tätigkeiten, die heute als sicher gelten, übernimmt KI. Andere werden wichtiger. Neue kommen dazu. Und bei einem Teil unserer Vorhersagen liegen wir vermutlich komplett daneben.

Mein eigener Beruf stand in keinem Plan

Ich habe Lehramt für Physik und Mathematik studiert. Daraus wurde Softwareentwickler, dann Gründer und CTO. Danach Investor und Business Angel. Heute sitze ich wieder operativ in Hotels, Fitnessunternehmen und KI-Projekten.

Kein Berufsberater hätte mir diese Abfolge vorhergesagt. Ich selbst schon gar nicht.

Durch all diese Wechsel getragen hat mich kein Abschluss. Es war die Bereitschaft, mich in etwas einzuarbeiten, das ich noch nicht verstanden hatte. Bei HolidayCheck gab es für vieles kein Lehrbuch. Wir mussten Probleme zerlegen, ausprobieren, Fehler machen und Menschen für etwas gewinnen, das noch klein und wackelig war.

Genau darauf achte ich heute bei Gründern. Ein perfekter Lebenslauf beeindruckt mich weniger als jemand, der eine offene Frage aushält, weiterbohrt und nach einem Rückschlag wiederkommt. Fachwissen ist wichtig. Es altert nur schneller als diese Haltung.

Die Zahlen passen dazu. Im Future of Jobs Report 2025 des Weltwirtschaftsforums erwarten die befragten Unternehmen, dass sich bis 2030 fast 40 Prozent der gefragten Fähigkeiten verändern. KI- und Datenkompetenz legen stark zu. Ganz oben bei den heute gefragten Kernkompetenzen steht trotzdem analytisches Denken, gefolgt von Resilienz, Flexibilität, Kreativität, Empathie und Lernbereitschaft. Technik wird wichtiger. Das Menschliche auch.

Drei Fähigkeiten, die hängen geblieben sind

Ait Si Abbou macht es konkret. Sie nennt Fähigkeiten, die sie ihren Kindern mitgeben würde. Drei davon sind bei mir hängen geblieben, weil ich sie aus dem Unternehmensalltag wiedererkenne.

Die erste ist analytisches Denken. Für sie heißt das vor allem, ein Problem wirklich zu durchschauen und die eigenen Annahmen zu prüfen, statt vorschnell zu einer Lösung zu springen. Genau das, schreibt sie, könne KI zwar imitieren, aber nicht wirklich leisten. Ich erlebe das täglich. KI liefert in Sekunden plausible Antworten. Ein Text sieht fertig aus. Eine Analyse klingt schlüssig. Ein Plan hat Überschriften, Zahlen und eine nachvollziehbare Reihenfolge. Trotzdem kann die Ausgangsfrage falsch sein. Dann beschleunigt die KI nur den Irrtum. Für mich heißt analytisches Denken deshalb: Annahmen prüfen, einer guten Präsentation nicht automatisch glauben und den Mut haben, in einer Runde zu sagen, dass man etwas noch nicht versteht.

Die zweite ist Neugier. Bei ihr ist sie der Motor, der dafür sorgt, dass man Neues überhaupt ausprobiert. Für mich ist Neugier die verlässlichste berufliche Absicherung meines Lebens gewesen. Mit 55 sitze ich wieder in Gesprächen mit Leuten, die halb so alt sind und Dinge beherrschen, von denen ich wenig verstehe. Das ist manchmal unangenehm. Es hält mich beweglich.

Die dritte ist emotionale Intelligenz. KI kann Empathie simulieren und Gefühle treffend formulieren, fühlen tut sie nichts. In Startups scheitert selten alles an der Technik. Es scheitert an unterschiedlichen Interessen, an Angst, Eitelkeit, fehlendem Vertrauen oder daran, dass jemand eine richtige Entscheidung zum falschen Zeitpunkt durchdrückt. Menschen lesen, einen Konflikt aushalten, Verantwortung für jemanden übernehmen, das nimmt einem kein Modell ab.

Ait Si Abbou bringt das am Ende auf den Begriff Urteilsvermögen: Verantwortung übernehmen, wenn der Algorithmus grünes Licht gibt und trotzdem etwas nicht stimmt. Da bin ich ganz bei ihr. Ich würde nur einen Gedanken ergänzen. KI erzeugt durchaus neue Ideen und überraschende Kombinationen, ich sehe das jeden Tag. Ideen sind also nicht mehr knapp. Knapp ist die Entscheidung, welche Idee Aufmerksamkeit verdient, wem sie nützt und wer dafür geradesteht, wenn es schiefgeht. Diese Frage beantwortet mir bisher kein System.

Die Versuchung, Sicherheit zu versprechen

Als Vater würde ich meinen Töchtern gern sagen: Studiere das, lerne jenes, dann bist du auf der sicheren Seite.

Diese Sicherheit gibt es nicht. Wahrscheinlich gab es sie nie, sie sah früher nur glaubwürdiger aus.

Die Internationale Arbeitsorganisation kommt in ihrer aktuellen Forschung zu einem Ergebnis, das mich mehr beruhigt als jede Gewinner-Verlierer-Liste: Generative KI verändert viele Tätigkeiten, ersetzt sie aber seltener komplett, als sie sie umbaut. Das heißt für meine Töchter: Sie werden nicht einmal für einen Beruf ausgebildet und bleiben dann vierzig Jahre unverändert darin. Sie werden ihren Beruf immer wieder neu erfinden müssen.

Vielleicht ist das der ehrlichste Rat, den ich geben kann. Wählt etwas, das euch wirklich interessiert. Lernt es gründlich. Nutzt KI früh und ohne Scheu, bleibt aber in der Lage, auch ohne sie zu denken. Sucht euch Menschen, von denen ihr lernen könnt. Übernehmt Verantwortung. Und gewöhnt euch daran, immer wieder Anfängerinnen zu sein.

Einen sicheren Beruf kann ich meinen Töchtern nicht empfehlen.

Ich kann ihnen nur helfen, mit der Unsicherheit umgehen zu lernen.

Jens Freiter
// Geschrieben von

Jens Freiter

Mitgründer und Ex-CTO von HolidayCheck. Sitzt heute als Beirat — u.a. bei Steinbeis — bei Familienunternehmen und Mittelständlern, die KI strategisch einsetzen wollen. Mehr über mich →

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