Mitte Juni war Claude Fable 5, eines der stärksten KI-Modelle auf dem Markt, plötzlich für alle Nutzer außerhalb der USA gesperrt. Kein Serverausfall, keine Wartung. Die US-Regierung hatte am 12. Juni Exportkontrollen verhängt, Anthropic musste den Zugriff von außerhalb der USA abschalten. Zwei Wochen später, am 30. Juni, wurden die Kontrollen aufgehoben, seit dem 1. Juli läuft das Modell wieder weltweit.
Für mich war das kein Randthema aus der Tech-Presse. Ich baue gerade mehrere Betriebe mit KI um, ein Hotel am Bodensee, ein Fitnessunternehmen. Wenn ein Modell, auf dem Arbeitsabläufe liegen, über Nacht verschwindet, weil eine Behörde in Washington das so entscheidet, dann ist das mein Problem, nicht das von Anthropic. Seither sehe ich die Souveränitätsdebatte mit anderen Augen. Für mich ist sie ein Betriebsrisiko geworden.
Was ich früher schon einmal gelernt habe
Bei HolidayCheck haben wir in den frühen Internetjahren ständig auf fremder Infrastruktur gebaut, weil es keine Alternative gab. Server, Zahlungsdienstleister, Suchmaschinen-Rankings. Man lernt dabei etwas, das sich erst später zeigt: Wer die Infrastruktur kontrolliert, kontrolliert am Ende die Spielregeln, auch wenn er nie eingreift. Einmal hat eine Google-Änderung über Nacht unseren Traffic verschoben, ohne dass uns jemand vorher gefragt hätte. Wir haben trotzdem weitergemacht, weil die Alternative hieß, gar nicht online zu sein.
Ich erkenne dieses Muster heute wieder, nur geht die Abhängigkeit tiefer. Damals ging es um Sichtbarkeit. Heute geht es darum, ob ein KI-System, das komplette Arbeitsabläufe in einem Betrieb trägt, morgen überhaupt noch erreichbar ist.
Und trotzdem bauen die meisten Mittelständler, die ich berate, genau wie ich selbst, ihre KI-Prozesse fast vollständig auf US-Infrastruktur. Claude, GPT, Gemini für die Modelle. AWS, Azure oder Google Cloud für den Betrieb darunter. AWS kommt weltweit auf rund 28 Prozent Marktanteil, Microsoft Azure auf etwa 21 Prozent, Google Cloud auf rund 14 Prozent. Drei US-Konzerne halten damit den Großteil der Cloud, auf der auch europäische KI-Systeme laufen.
Mistral zeigt, wie schwer echte Souveränität ist
Das europäische Gegenmodell heißt meistens Mistral. Zu Recht, das Unternehmen ist Europas sichtbarste KI-Antwort, zuletzt mit rund 14 Milliarden Dollar bewertet und aktuell im Gespräch über eine deutlich größere Runde. Mistral hat sich über einen Kredit von 830 Millionen Dollar ein eigenes Rechenzentrum bei Paris finanziert und will dort in den nächsten Jahren eigene Rechenkapazität im großen Stil aufbauen.
Genau daran sieht man, wie weit der Weg noch ist. Eigene Kapazität in dieser Größenordnung entsteht nicht in einem Jahr, sie wird gerade erst gebaut. Bis dahin bleibt auch Europas Vorzeigeunternehmen darauf angewiesen, Rechenleistung dort zu mieten, wo sie verfügbar ist. Parallel greifen ab dem 2. August 2026 die ersten verbindlichen Transparenzpflichten des EU AI Act: Chatbots und KI-generierte Inhalte müssen gekennzeichnet werden. Das schafft Transparenzregeln, aber keine eigene Rechenkapazität.
Meine Haltung: Blinde Abhängigkeit ist naiv, Souveränitäts-Romantik auch
Ich halte wenig davon, jetzt aus Prinzip auf europäische Anbieter umzusteigen, weil es politisch sauberer klingt. Für die Betriebe, die ich umbaue, zählt, was funktioniert, was bezahlbar ist und was meine Leute tatsächlich nutzen. Mistral ist noch nicht so weit, dass ich ein Hotel oder ein Fitnessunternehmen komplett darauf umstelle. Das wäre Ideologie an der Stelle, wo Unternehmertum gefragt ist.
Genauso wenig will ich so weitermachen wie bisher, als gäbe es das Risiko nicht. Die Woche mit Fable 5 hat gezeigt, dass eine einzelne politische Entscheidung in einem anderen Land reale Arbeit in einem Konstanzer Betrieb stoppen kann. Wer heute KI-Systeme für ein Unternehmen aufbaut, sollte wissen, an welcher Stelle dieser Aus-Schalter liegt: bei welchem Anbieter, in welchem Land, unter welcher Gesetzgebung. Und wo es sinnvolle Alternativen gibt, sollte man sie zumindest testen, auch wenn sie heute noch nicht die erste Wahl sind.
Das ist kein Aufruf zum Boykott amerikanischer Technologie. Ich nutze sie täglich, und sie ist gerade die beste, die es gibt. Es ist eine Gewohnheit, die ich mir seit Juni angewöhnt habe. Bei jedem neuen KI-Prozess frage ich inzwischen mit, wo der Schalter sitzt, der ihn abstellen könnte. Diese Frage kostet fünf Minuten. Im Juni hätte sie mir einiges erspart.
Meine Töchter werden in einer Arbeitswelt groß, in der diese Frage zum Handwerk gehört, so selbstverständlich wie heute die Frage, wo ein Server steht oder wer Zugriff auf Kundendaten hat. Ich finde es richtig, dass Europa eigene Antworten aufbaut, auch wenn sie noch nicht fertig sind. Ich werde trotzdem nicht auf die perfekte europäische Lösung warten, bevor ich meine Betriebe umbaue. Ich schaue nur genauer hin, mit wem ich das tue.
Quellen und Inspiration
- Anthropic: Restoring access to Claude Fable 5 and Mythos 5
- CNBC: Trump admin lifts export controls on Claude Fable 5
- The Hacker News: Anthropic restores Claude Fable 5 after export controls lifted
- Statista / Synergy Research: Cloud infrastructure market share
- TechCrunch: Mistral AI raises $830M in debt for a data center near Paris
- EU AI Act: Transparency obligations (Article 50)

