Im Training kann ich nicht schummeln. Im Geschäft schon.
Im Geschäft kann ich vieles abkürzen. Beim Hyrox-Training nicht. Warum ich mir mit 55 freiwillig etwas suche, bei dem ich mir nichts vormachen kann.

Im Oktober laufe ich Hyrox in Karlsruhe. Für alle, die das nicht kennen: acht Kilometer Laufen, dazwischen acht Stationen, an denen du schiebst, ziehst, schleppst, ruderst, Burpees machst, bis dir schlecht ist. Es dauert etwa eine Stunde, und am Ende liegst du auf dem Boden und fragst dich, warum. Ich bin 55. Ich habe mich freiwillig angemeldet und sogar dafür bezahlt.
Warum tut man sich das an?
Die ehrliche Antwort hat lange gedauert, bis ich sie hatte. Weil ich im Training nicht schummeln kann.
In meinem Berufsleben kann ich vieles abkürzen. Ich kann eine mittelmäßige Idee gut verkaufen. Ich kann eine Entscheidung so lange verschieben, bis sie sich von selbst erledigt. Ich kann kluge Leute um mich herum versammeln, die meine Lücken füllen, ohne dass es jemandem auffällt. Das ist nicht unredlich, das ist Erfahrung, dafür wird man bezahlt. Aber es bedeutet, dass zwischen dem, was ich wirklich kann, und dem, was nach außen aussieht, eine Lücke klaffen darf. Über Jahre gewöhnt man sich an diese Lücke. Man vergisst fast, dass sie da ist.
Der Schlitten wiegt, was er wiegt. Er bewegt sich, wenn ich stark genug bin, und sonst bleibt er stehen. Da hilft kein Netzwerk, kein guter Ruf, kein cleverer Satz im richtigen Moment. Die Stange ist schwer oder ich bin zu schwach, eins von beidem, und beide wissen wir Bescheid, die Stange und ich. Diese Ehrlichkeit suche ich. Ein paarmal die Woche etwas tun, bei dem ich mir selbst nichts vormachen kann, weil der Körper die Wahrheit kennt und sie nicht verhandelt.
Mit 55 zu trainieren ist anders als mit 35. Der Körper verzeiht weniger. Ich brauche länger, um mich zu erholen, und ich merke jeden Fehler am nächsten Morgen, oft an Stellen, von denen ich nicht wusste, dass es sie gibt. Eine Zeitlang habe ich dagegen angekämpft und einfach mehr gemacht. Das ist die alte Logik, die mir aus dem Geschäft vertraut ist: mehr Einsatz, mehr Ergebnis. Beim Körper geht das schief, und zwar sofort. Mehr Einsatz ohne Erholung bringt keine Bestzeit, sondern eine gezerrte Wade und zwei Wochen Pause. Der Körper rechnet anders als ein Unternehmen. Er bestraft Gier zuverlässiger als jeder Markt.
Und genau hier wird das Training zum Lehrer. Es zwingt mich zu etwas, das mir sonst schwerfällt: Pausen ernst zu nehmen. Ein Ruhetag im Plan ist kein Ausfall, er ist Teil der Arbeit. Die Muskeln wachsen nicht beim Training, sie wachsen danach, im Schlaf, in der Ruhe. Ich kenne diesen Satz seit Jahrzehnten, jeder kennt ihn. Mit dem Körper habe ich ihn zum ersten Mal wirklich verstanden, weil ich die Quittung bekomme, wenn ich ihn ignoriere.
Es gibt einen Punkt, an dem mein Macher-Modus und meine Selbstfürsorge sich in die Quere kommen, und das Training legt ihn offen wie kaum etwas anderes. Der Macher will den nächsten Reiz, die nächste Einheit, den nächsten Beweis, dass ich es noch draufhabe. Die Fürsorge sagt leise: Heute reicht es, geh nach Hause. Lange hat der Macher fast immer gewonnen, im Sport wie im Leben. Im Training lerne ich gerade, der anderen Stimme zuzuhören, weil der Körper mich bestraft, wenn ich es nicht tue. Vielleicht ist das die eigentliche Übung, und Hyrox ist nur der Anlass, sie überhaupt zu machen.
Ich rede nicht von Leistung im Sinne von Pokalen. Ich werde in meiner Altersklasse nicht gewinnen, das ist mir klar und auch egal. Es geht um etwas Schlichteres. Ich will mit Mitte fünfzig einen Körper haben, der mitmacht. Der mich tragen kann, wenn ich allein verreise und der Rucksack schwer ist. Der mitmacht, wenn ich auf dem Boden mit jemandem spiele, wenn das Leben körperlich wird, wenn ich jemanden stützen muss. Fitness ist für mich kein Projekt mit Enddatum, das ich abhaken kann. Sie ist die Bedingung für die Art, wie ich älter werden will, und damit gehört sie zur selben Frage wie alles andere, das mich gerade beschäftigt.
Am Renntag wird niemand fragen, was ich beruflich mache oder was auf dem Konto steht. Es zählt nur, ob ich die Strecke schaffe und in welcher Verfassung. Diese eine Stunde ist vollkommen ehrlich, und solche Stunden sind selten geworden in meinem Leben. Ich freue mich darauf und ich habe Respekt davor, beides zugleich, und ich glaube, das ist genau die richtige Mischung.
Wenn du irgendwann das Gefühl hast, dass dir alles zu leicht von der Hand geht und du dir selbst nicht mehr ganz traust: Such dir etwas, bei dem du nicht schummeln kannst. Es muss kein Hyrox sein. Aber es sollte wehtun, ehrlich sein und sich nicht schönreden lassen. Du wirst erstaunt sein, wie viel Klarheit eine schwere Stange bringt.


