Ich habe meine KI gebaut wie ein Getriebener. Hartmut Rosa hatte recht.

#01·KI·29. Mai 2026

Ich habe meine KI gebaut wie ein Getriebener. Hartmut Rosa hatte recht.

Im Hotel höre ich einen Podcast über Beschleunigung und Resonanz. Zur selben Zeit baue ich mir eine eigene KI-Assistenz und falle genau in die Falle, von der die Rede ist.

5 Min Lesezeit
Nächtliches Hotelzimmer mit leuchtendem Laptop
🤖 KI-generiertes Bild

Ich saß in einem Hotelzimmer, als ich die Folge gehört habe. Hotel Matze, Matze Hielscher im Gespräch mit Hartmut Rosa. Über zwei Stunden. Ich wollte kurz reinhören und bin dann liegengeblieben, Schuhe noch an, Licht aus.

Rosa ist Soziologe, sein großes Thema ist die Beschleunigung. Wir machen alles schneller und haben am Ende trotzdem keine Zeit. Wir optimieren den Kalender, die Wege, die Mahlzeiten, und das Gefühl, hinterherzuhinken, wird nicht kleiner. Es wird größer. Sein Gegenbegriff heißt Resonanz: der Moment, in dem dich etwas wirklich erreicht und du zurückschwingst. Ein Lied, das dich packt. Ein Gespräch, nach dem du anders rausgehst, als du reingegangen bist. Und ein dritter Begriff ist hängengeblieben, die Unverfügbarkeit. Die Dinge, die sich nicht planen und nicht erzwingen lassen. Ein Text, der plötzlich sitzt. Ein Mensch, der sich öffnet. Schlaf. Du kannst die Bedingungen schaffen. Erzwingen kannst du keins davon.

Ich habe das gehört und dachte: er beschreibt mich.

Denn zur selben Zeit baue ich an etwas, das genau der anderen Logik folgt. An meiner eigenen KI-Assistenz. Ein System, das mir bei allem helfen soll: bei den Hotels, den Fitness-Projekten, den Beteiligungen, dem Privaten. Ich nutze dafür ein Werkzeug, mit dem ich mir meine eigenen kleinen KI-Helfer zusammenbauen kann. Keine fertige App, die man installiert und die läuft. Eher eine Werkstatt, in der ich selbst an der Werkbank stehe und schraube.

Und ich bin reingegangen wie immer. Schneller, mehr, alles auf einmal. Ich hatte eine Liste mit zwölf Helfern im Kopf, bevor der erste überhaupt lief.

Was dann kam, war eine Lektion in Demut.

Ich wollte, dass die Assistenz meine Welt kennt. Also habe ich ihr ein Gedächtnis gegeben. Dateien, in denen steht, wer ich bin, woran ich arbeite, wie ich Dinge mag. Ich habe einen Abend lang getippt. Beim nächsten Start war die Hälfte davon weg. Einfach nicht mehr da. Ich habe es nochmal gemacht, sauberer, und dann einen zweiten Speicher angelegt, der den ersten spiegelt, damit nichts verlorengeht. Ein Backup für das Gedächtnis meiner KI. Allein der Satz hätte mich stutzig machen sollen.

Dann die Helfer selbst. Ich baue einen, gebe ihm einen Namen, eine Aufgabe, ein Stichwort, auf das er anspringen soll. Ich tippe das Stichwort. Nichts passiert. Ich tippe es anders, langsamer, höflicher, als ob Höflichkeit helfen würde. Nichts. Es stellt sich heraus: Ich muss jeden Helfer von Hand importieren, per Drag and Drop, jedes Mal neu, wenn ich etwas ändere. Es gibt keinen Knopf, der alles synchron hält. Ich habe einen halben Abend damit verbracht herauszufinden, warum ein Werkzeug nicht tut, was ich ihm in klaren Worten gesagt hatte.

Und das Beste kam zum Schluss: Meine eigenen Dateien fingen an, auseinanderzulaufen. In der einen stand der aktuelle Stand eines Projekts, in der anderen der von vorgestern. Welche stimmt jetzt? Ich, der Mann, der Ordnung ins System bringen wollte, saß vor zwei Wahrheiten und wusste nicht mehr, welche meine ist. Das ist eine seltsame Erfahrung. Du baust dir ein Werkzeug gegen das Chaos und produzierst dabei neues Chaos.

An dem Punkt habe ich aufgehört zu fluchen und angefangen nachzudenken.

Ich automatisiere nicht, um Ruhe zu haben. Ich automatisiere, um in Bewegung zu bleiben. Solange ich baue, muss ich nicht stillhalten. Jeder neue Helfer ist ein kleiner Beweis, dass ich vorankomme, dass der Abend etwas wert war. Hartmut Rosa würde sagen: Ich erweitere meine Verfügbarkeit über die Welt. Ich will mehr Reichweite, mehr Kontrolle, mehr Zugriff, und zwar schnell. Die Maschine ist dafür das perfekte Versprechen. Sie suggeriert, dass alles machbar ist, wenn du nur den richtigen Helfer baust.

Nur: Eine KI-Assistenz baut man nicht im Macher-Modus. Sie zwingt dich zur Langsamkeit. Du musst erklären, was du willst, in Worten, präzise. Du musst zuhören, wenn sie etwas falsch verstanden hat, und das tut sie oft. Du musst zurückgehen und korrigieren. Es ist ein Gespräch, kein Befehl. Und Gespräche kann man nicht beschleunigen, ohne sie kaputtzumachen. Das wusste ich aus meinem Leben längst, aus echten Beziehungen, aus der Therapie, aus jedem Konflikt, den ich zu schnell lösen wollte. An der Maschine habe ich es nochmal gelernt, und diesmal hat es keinen Menschen verletzt, nur meinen Stolz.

Der Witz an der Sache: Die guten Momente kamen, als ich aufgehört habe zu drücken. Wenn ich einer KI eine einzige Sache klar erkläre und ihr Zeit lasse, baut sie mir an einem Nachmittag etwas, für das ich früher eine Agentur und drei Wochen gebraucht hätte. Eine kleine Recherche, sauber aufbereitet. Ein Text, der fast sitzt. Das ist die Resonanz, von der Rosa spricht. Es trifft, es schwingt zurück. Aber nur, wenn ich nicht gleichzeitig drei andere Sachen aufreiße und schon beim nächsten bin, bevor das erste fertig ist.

Ich bin technisch tief drin. Ich habe Software gebaut, ich war CTO, ich bewerte als Business Angel KI-Startups und sitze in Runden, in denen über genau diese Werkzeuge entschieden wird. Ich bin nicht der Rentner, der an der App verzweifelt. Und trotzdem hat mich dieses kleine private System mehr über mich gelehrt als über KI. Es hat mir einen Spiegel hingehalten und ruhig gesagt: Du baust dir gerade ein Werkzeug gegen das Stillhalten.

Was ich daraus mitnehme, ist nichts Großes. Ich versuche, weniger zu bauen und das Wenige fertig. Ich lasse die Assistenz Dinge tun, die wirklich nerven, und automatisiere nicht aus Prinzip alles, was sich automatisieren lässt. Wenn ich merke, dass ich wieder im Akkord schraube, halte ich kurz an und frage mich, ob das Projekt das braucht oder nur ich. Manchmal ist die ehrliche Antwort: nur ich. Dann mache ich den Laptop zu.

Die Folge mit Rosa läuft inzwischen ein zweites Mal. Diesmal ohne Laptop daneben.

Jens Freiter
// Geschrieben von

Jens Freiter

Mitgründer und Ex-CTO von HolidayCheck. Sitzt heute als Beirat — u.a. bei Steinbeis — bei Familienunternehmen und Mittelständlern, die KI strategisch einsetzen wollen. Mehr über mich →

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